Der Geist, den er rief

 

Das Bürogebäude leerte sich. Lucas atmete auf. Endlich kehrte die Ruhe ein, die er für die Vorbereitung seiner Präsentation für die Geschäftsreise in der nächsten Woche so dringend brauchte. Er lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und zog das Fenster des Programms, mit dem er die Präsentationsfolien erstellte, vom kleinen Laptopbildschirm auf den großen Monitor an der Wand.
Er versank so in Gedanken, dass er erschrak, als die Stille des fast schon menschenleeren Bankenhochhauses durch das Klingeln seines Mobiltelefons unterbrochen wurde. Gero.
«Ja?»
«Ich bin’s», meldete sich die vertraute Stimme seines Bruders am anderen Ende der Verbindung.
«Was gibt es?»
«Wegen übermorgen…»
«Ich habe wirklich keine Zeit. Habe Papa auch schon eine Nachricht hinterlassen.»
Stille am anderen Ende. Lucas hörte nur Geros schweren Atem.
«Ich muss arbeiten. Anfang Januar fliege ich nach Bangkok…»
«Verdammt nochmal, Luke!», polterte Gero. «Seit Mama gestorben ist, warst du nicht einmal an Weihnachten da. Papa ist so einsam. Er würde alles, wirklich alles, dafür tun, mal wieder die ganze Familie an einem Tisch sitzen zu haben.»
«Das Leben ist kein Wunschkonzert», erwiderte Lucas. «Ihr seid doch da. Also ist Papa nicht einsam.»
«Du willst es nicht verstehen, oder?»
«Falsch. Du willst mich nicht verstehen. Ich erbe kein Einfamilienhaus. Neidisch bin ich darauf nicht, wir haben es ja so besprochen. Aber ich führe jetzt ein Leben, wo ich auf solche Sentimentalitäten wie Weihnachten keine Rücksicht mehr nehmen kann.»
«Denkst du eigentlich auch nur ein einziges Mal an Papa? Daran, wie er sich fühlt, wenn er jedes Jahr deine Absage auf dem Anrufbeantworter hat? Du hast ja noch nicht mal die Eier, anzurufen, wenn er theoretisch ans Telefon gehen könnte.»
«Ich rufe an, wenn ich Zeit habe», sagte Lucas.
Gero stieß ein verächtliches Schnauben aus. «Wer’s glaubt…»
«Frohe Weihnachten», sagte Lucas und legte den Finger bereits auf den roten Hörer auf dem Display seines Smartphones. «Ihr werdet meine Abwesenheit verschmerzen. Ich habe zu tun.»
Er unterbrach die Verbindung und legte das Mobiltelefon neben seinen Laptop. Als er die Maus wieder bewegte, um die Bildschirme zu aktivieren, hatte sich das Bild auf dem großen Monitor an der Wand verändert. Wo eben noch seine Präsentation zu sehen war, flimmerte jetzt eine Art Diashow über die Mattscheibe. Vom ersten Bild grinste ihn sein achtjähriges ich an, das mit roten Wangen und gefrorener Nase einen Schlitten hinter sich herzog. Das Zweite zeigte einen Weihnachtsbaum in einem Raum, der ihm allzu bekannt vorkam.
«Was zum…?», murmelte er.
«Ja, da staunst du», bemerkte eine zarte und dennoch freche Stimme, die er vorher noch nie gehört hatte. Sie war aber so nah, dass er sich hektisch umsah.
«Wer ist da?» Lucas konnte die Quelle der Stimme nicht ausmachen.
Er unterdrückte einen Schrei, als sich plötzlich eine leichte Hand auf seine Schulter legte. Schnell drehte er seinen Stuhl um. Auf dem Regal in seinem Rücken saß ein kleines Wesen. Es erschien geisterhaft, jugendlich und gleichzeitig uralt. Sein Blick fixierte Lucas.
«Wer bist du? Und was willst du von mir?», fragte der.
«Ich? Ich bin der Geist, der in dir lange verdrängte, aber durchaus wichtige Erinnerungen weckt. Wer ist denn der Junge auf dem Foto?», fragte er.
«Moment… du bist der Geist meiner vergangenen Weihnachten?», fragte Lucas.
«Bingo! Somit hätten wir auch die Frage beantwortet, wer das da auf dem Bild ist. Wo ist das?»
«Bei meinen Eltern im Schwarzwald. Da hatten wir häufiger weiße Weihnachten als in anderen Teilen Deutschlands.»
«War es schön da?», fragte der Geist.
«Ja, … natürlich. Papa hat uns häufiger mit raus genommen, damit Mama in Ruhe das Essen kochen konnte und wir nicht mitbekamen, dass sie in Wirklichkeit unser Christkind war.»
«Nette Tradition. Gab es sonst noch was?», fragte der Geist. «Irgendwann müsste euch ja ein Licht aufgegangen sein, dass eure Mutter euer Christkind ist.»
«Natürlich. Das hat nach diesem Bild gar nicht mal mehr so lange gedauert. Aber trotzdem war Weihnachten auch danach immer etwas Besonderes. Dann wurde es zu einem Wettbewerb, ob mein Bruder oder ich als Erstes herausbekommt, womit unsere Eltern uns überraschen wollten», sagte Lucas.
«Und? Wer war besser?», fragte der Geist.
«Meistens haben wir es beide nicht herausgefunden. Unsere Eltern waren weltmeisterlich im falsche Spuren legen und sich in Schweigen hüllen», sagte Lucas.
«Warum willst du all das nicht mehr haben?», fragte der Geist.
«Ich bin ein erwachsener Mann. Da habe ich keine Zeit für solche Sentimentalitäten», sagte Lucas.
«Das ist aber schade», sagte der Geist. «Wie lange ist es her, dass du das letzte Mal an Heiligabend zuhause warst?»
«Fünf Jahre», murmelte Lucas und schluckte.
Der Geist schnipste wieder mit den Fingern. Das Bild auf dem Monitor änderte sich noch einmal. Lucas trug bereits einen maßgeschneiderten Anzug und hatte dunkle Ringe von durcharbeiteten Nächten unter den Augen. Dennoch lächelte er müde in die Kamera.
«Das war das letzte Weihnachtsfest, an dem meine Mutter noch gelebt hat», flüsterte Lucas. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein Kloß in seinem Hals bildete.
«Warum warst du danach nicht mehr da?», fragte der Geist.
«Weil…» Lucas hielt inne, um sich seine nächsten Worte genau zu überlegen. «Weil es nicht mehr dasselbe ist ohne sie.»
«Findest du das nicht ziemlich feige?», fragte der Geist.
«Wir mussten alle danach Weihnachten für uns neu erfinden. Ich gehöre zu dem Weihnachten, das mein Bruder feiert, nicht mehr dazu», sagte Lucas. «Natürlich ruft er mich an und lädt mich ein. Aber das ist jetzt seine Familie. Nicht meine. Oder liege ich falsch?»
«Dir die Antwort auf diese Frage zu geben bin ich nicht in der Lage. Aber es ist eine gute Frage. Deshalb werde ich dir in dreißig Minuten meinen kleinen Bruder vorbeischicken. Was du für Gero ist er für mich», sagte der Geist.
«Wa… was? Bin ich jetzt bei Charles Dickens gelandet?», fragte Lucas.
«Du hast es nicht anders gewollt», sagte der Geist und stand von der Kante des Regals auf. «Lebe wohl und handle weise!»
Er schnipste noch einmal. Der Bildschirm an der Wand zeigte wieder die Präsentation und der Geist war verschwunden.



Der stille Wunsch des Vaters


Lucas versuchte, sich wieder auf seine Präsentation zu konzentrieren. Die Begegnung mit dem Geist seiner Erinnerung konnte nur eine Folge der Übermüdung gewesen sein. Er konnte aber nicht verhindern, dass die Bilder, die er gesehen hatte, immer wieder in seinem Kopf auftauchten. Selbst die Stimmen seiner Eltern, die nach ihm riefen, meinte er zu hören.
Er stand auf, um sich einen Cappuccino aus seinem Kaffeevollautomaten zu ziehen. Bis zum Schrank, auf dem der Automat stand, kam er jedoch nicht, bevor er ein Klopfen hörte … gegen Glas… an die Fensterscheibe.
Er stellte die Lamellen des Rollos waagerecht. Tatsächlich. Auf der äußeren Fensterbank stand eine kleine Gestalt, deren Gesichtsausdruck nichts Gutes verhieß. Die Mundwinkel steil nach unten gezogen sah sie Lucas direkt in die Augen und klopfte ein weiteres Mal gegen die Scheibe.
Lucas öffnete das Fenster. Sofort sprang die Gestalt durch die Öffnung, direkt vor seine Füße. Als sie sich vom Boden erhob, stellte Lucas fest, dass sie viel größer war, als er durch das Fenster vermutet hätte. Ihr Gewand bestand aus einer roten Filzjacke, einer weiten grünen Hose und einem spitzen rot-grünen Hut, unter dem kleine, zu engen Schlitzen gekniffene Augen hervorblitzten. Ihr Gesicht war von der winterlichen Kälte gerötet.
«Bist du der Geist der gegenwärtigen Weihnachten?» Lucas war gespannt, was ihn jetzt erwartete.
Die Gestalt nickte. Sie sah sich um und schüttelte energisch den Kopf. «Du willst hier im Ernst Weihnachten verbringen?»
«Ich will nicht, ich muss», antwortete Lucas. «Nächste Woche steht eine große Geschäftsreise an und…»
Er stockte. Auf der Stirn des Geistes war eine steile Falte entstanden. «Lass endlich mal für zwei Tage die Arbeit Arbeit sein! Nimm dir Urlaub und schwing deinen Hintern zu deiner Familie.»
«Nein, der Termin ist wichtig», sagte Lucas.
«Ich sehe schon, dass deine und meine Auffassung von wichtig sehr verschieden sind. Mitkommen!», befahl der Geist und ging zurück zum Fenster.
«Du magst ja fliegen können», begann Lucas. «Aber ich stelle mich nicht im dreizehnten Stock auf die Fensterbank und aaaaaaaargh…»
Der Geist hatte ihn am Gürtel gepackt und mit sich durch das geschlossene Fenster gezogen. Lucas schwebte in seinem Griff schwerelos durch die Luft. Der Wind pfiff um seine Ohren, aber trotz des Schneegestöbers fror er nicht.
Sie flogen über die Innenstadt, in der gerade die letzten Stunden des Weihnachtsmarktes angebrochen waren, auf dem noch immer reger Betrieb herrschte. Hier blieben sie nicht lange, sondern flogen weiter, aus der Stadt hinaus über ländliche Gebiete, wo die Dunkelheit außerhalb der Orte nur durch gelegentlich aufflackernde Autoscheinwerfer unterbrochen wurde. Sie flogen so hoch, dass Lucas die Autobahnen unter sich wie Lichterketten erschienen. Langsam beschlich ihn eine Ahnung, wohin der Geist ihn brachte. Er wagte aber nicht, sie auszusprechen.
Über einem stark bewaldeten Gebiet gingen sie in den Sinkflug. Immer deutlicher schälte sich ein kleines Schwarzwalddorf aus der Landschaft. Außerhalb des Ortes setzte der Geist Lucas auf einem Feldweg ab.
«Muss ich vorgehen oder findest du den Weg alleine?», fragte er.
Lucas schluckte. «Nein, nicht nötig. ich weiß, wo du hinwillst.»
Vor einem Haus kurz hinter dem Ortseingangsschild blieb er stehen. Durch die Scheibe in der Haustür drang schwach die Beleuchtung aus den hinteren Zimmern.
«Wo sind wir hier?», fragte der Geist.
«Hier wohnt mein Vater», antwortete Lucas mit zittriger Stimme. «Sieht er uns?»
Der Geist schüttelte den Kopf. «Du kannst direkt durch die Wand gleiten. Wir sind nur Schatten in der Welt deines Vaters.»
Sie traten ein. Die Lichtquelle, die sie gesehen hatten, kam aus der Küche. Lucas‘ Vater stand über das Spülbecken gebeugt und schnitt Rotkohl in einen Topf. Auf dem Ablaufbrett lag eine küchenfertige Gans. Mittelpunkt des Raumes war ein massiver Holztisch, um den sieben Stühle verteilt standen.
«Sieben?», fragte Lucas. «Gibt es in unserer Familie jemanden, den ich noch nicht kenne?»
«Warum meinst du das?», fragte der Geist.
«Mein Bruder, seine Frau, meine beiden Neffen und mein Vater… das sind fünf Personen», erwiderte Lucas.
Die Küchentür schwang auf und Gero kam herein. Er betrachtete kopfschüttelnd den Tisch. «Du weißt doch, dass Lucas nicht kommt…»
Sein Vater wandte sich zu Gero. Zum ersten Mal konnte Lucas in seine Augen sehen, die keine Bitterkeit ausstrahlten, aber eine Traurigkeit versprühten, dass es Lucas fast das Herz zerriss.
«Du magst mich für einen senilen Narren halten. Aber ich hoffe jedes Jahr, dass er es sich anders überlegt.»
Gero legte einen Arm um die Schultern seines Vaters. «Das ist nicht senil. Ich hoffe auch jedes Jahr, dass er endlich erkennt, wie froh er sein kann, dich zu haben.»
Lucas merkte, dass seine Augen feucht wurden. «Warum macht er das?»
«Ich denke, du weißt auch, für wen der siebte Stuhl ist, oder?», erwiderte der Geist.
Lucas nickte. «Der Stuhl am Fenster wird leer bleiben. Da hat meine Mutter immer gesessen.»
Der Geist sah ihm direkt in die Augen. «Hätte nicht gedacht, dich mal so emotional zu sehen. Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, dich noch zu einem anderen Ort zu bringen. Mitkommen!»
Er griff erneut an Lucas‘ Gürtel und zog ihn mit sich. Sie schwebten wieder aus dem Dorf hinaus und verfolgten die Autobahn gen Norden. Als der Geist wieder in den Sinkflug ging, ahnte Lucas, was ihm nun bevorstand.
«Warum fliegen wir zur Universitätsklinik?», fragte er.
«Weil es dort Leute gibt, die das Wort wichtig ähnlich merkwürdig interpretiert haben wie du und heute die Folgen sehen», antwortete der Geist.
«Was hat das mit mir zu tun?», fragte Lucas.
«Dein Vater ist fünfundsiebzig Jahre alt», erwiderte der Geist. «Denk mal drüber nach.»
«Bring mich einfach zurück in mein Büro. Ich muss das jetzt nicht sehen», sagte Lucas.
«Doch, musst du», erwiderte der Geist und schwebte mit ihm auf den Heliport der Unfallklinik. «Keine Sorge. Wir werden jetzt keine Familie in ihren letzten Stunden mit einem ihrer Liebsten stören. Ich weiß etwas, das viel eindrucksvoller für dich sein wird.»
Er deutete in den Himmel. Wo Lucas zunächst noch einen unverstellten Blick auf eine Mischung aus Schneewolken und Sternen in den Wolkenlücken hatte, legten sich bald dunkle Schatten über das Bild, die unaufhaltsam auf ihn zukamen.



Die Früchte, die wir ernten


Gebannt und verängstigt zugleich achtete Lucas nicht mehr auf seinen Begleiter. Erst als das vertraute Schnipsen erklang, realisierte er, dass er nun allein auf dem Helikopterlandeplatz stand. Der dunkle Schatten kam immer näher. Trotz seiner aussichtslosen Lage versuchte Lucas, sich zu ducken, damit der Schatten ihn nicht erreichen konnte. Bald war er jedoch in dunklen Nebel eingehüllt, in dessen Mitte er eine dunkle Gestalt erkannte. Übermenschlich groß ließ sie ihn wie eine Schachfigur erscheinen.
Hatte Lucas zuvor noch nichts von der Kälte und dem herabfallenden Schnee gespürt, so traf beides ihn nun mit voller Wucht. Die unheimliche Gestalt schien alles Licht und alle Wärme in sich aufzusaugen. Selbst die Lichter der Stadt zu Lucas‘ Füßen verschwand in einem dichten Grau. Nur wenige helle Punkte zeigten, dass sie überhaupt belebt war.
„Bist du der Geist der Weihnachten, die mich noch erwarten?“, fragte Lucas.
Anstelle einer Antwort deutete sein unheimlicher Begleiter auf die Feuerschutztür, durch die die Kranken, die normalerweise hier mit dem Rettungshubschrauber ankamen, in das Innere der Klinik gelangten.
„Was soll ich hier?“, fragte Lucas.
Wieder antwortete der Geist nicht. Stattdessen spürte Lucas eine unglaublich kräftige Hand im Rücken, die ihn unaufhaltsam auf die Tür zuschob. Ehe er sich versah, war er durch die Wand geglitten und stand am Kopf eines nach unten immer düsterer werdenden Treppenhauses. Von der Hand des Geistes geschoben stolperte er Stufe um Stufe tiefer, bis sich eine Tür vor ihm wie von Geisterhand öffnete, durch die der Geist ihn schob.
Der vor ihm liegende Gang war hell erleuchtet. Lucas kniff die Augen zusammen, um sich an die grellen Neonröhren zu gewöhnen. Er versuchte, einen Blick in eines der Zimmer zu werfen, deren Türen aus Milchglas waren. Genaueres konnte er aber nicht erkennen.
Krankenhauspersonal in blauer Kleidung hastete zwischen den Zimmern hin und her. Eindeutig, das hier war eine Intensivstation. Dafür sprachen auch die Geräusche von piependen EKG- und röchelnden Beatmungsgeräten, die immer dann lauter wurden, wenn sich eine Tür zu einem Patientenzimmer öffnete.
Der Geist glitt voraus. Seine Silhouette schien kleiner geworden; jetzt hätte sie nur einen Türrahmen ausgefüllt. Vor einer Zimmertür blieb er stehen. Noch immer erkannte Lucas nicht einmal die Augen in seiner dunklen Kapuze.
„Hier soll ich hineingehen?“, fragte Lucas.
Der Geist blieb ungerührt neben der Tür stehen.
„Kann ich einfach durchgehen oder…?“
Weiter kam Lucas nicht, denn die kräftige Hand des Geistes hatte ihn schon angeschoben und auf die andere Seite der Milchglasscheibe gleiten lassen. Drinnen herrschte Dämmerlicht. Nur eine einzelne Tischlampe brannte neben dem einzigen Bett im Raum, in dem ein alter Mann lag. Die Stille, die im Vergleich zur Hektik auf dem Gang ohrenbetäubend war, wurde nur vom regelmäßigen Piepen eines EKG-Gerätes unterbrochen. Eine Beatmungsmaschine lief nicht.
Lucas trat näher und betrachtete das Gesicht des alten Mannes. Er schien tief zu schlafen; jedenfalls zeigte er keine Regung. Selbst als die Tür aufglitt und ein Krankenpfleger eintrat, rührte der Mann keinen Finger. Direkt hinter dem Pfleger kam eine Ärztin in den Raum.
„Haben Sie die Angehörigen erreicht?“, fragte die Ärztin.
„Ja und nein. Der Bruder, den er als seinen engsten Angehörigen angegeben hat, ist wohl im letzten Jahr verstorben. Und die Familie des Bruders hat… reserviert auf die Frage reagiert, ob sie ihn besuchen wollen“, antwortete der Pfleger.
„Ich werde noch einmal mit ihnen telefonieren“, sagte die Ärztin und verließ den Raum.
Im Schutz seiner Unsichtbarkeit glitt Lucas zu einem Schild am Fußende des Bettes, auf dem ein Name stand. Sein Name. Er war der alte Mann in dem Bett.
Lucas taumelte. Er bemerkte erst, dass sein dunkler Begleiter auch im Raum war, als ihn dieser bei den Schultern packte und zur Tür drehte. So lautlos, wie sie gekommen waren, glitten sie wieder hinaus, verließen die Intensivstation und das Krankenhaus.
„Aber was ist mit meiner Familie passiert? Wo sind Lars und Max? Und was ist eigentlich mit Antje?“, fragte Lucas, nicht erwartend, vom Geist eine Antwort zu erhalten.
Der Geist bedeutete Lucas mit einem Finger, ihm zu folgen. Als sie an einer Straßenecke angekommen waren, griff er seinen Gürtel und hob mit ihm ab. Wieder flogen sie gen Süden, wieder wurden die Siedlungen spärlicher und die Landschaft dunkler und wieder landeten sie in dem Schwarzwalddorf, in dem Lucas aufgewachsen war. An der Stelle, an der sein Elternhaus gestanden hatte, blickte er nun auf ein neueres Haus, auf dessen Haustür der Geist deutete. Mit einem flauen Gefühl im Magen und einem dicken Kloß im Hals glitt Lucas durch die Wand.
Drinnen erkannte er Möbel und Erinnerungsstücke, die den Abriss des Elternhauses überdauert hatten. Die Gesichter der Bewohner waren ihm gleichzeitig vertraut und fremd. Ja, die beiden etwa dreißig Jahre alten Männer waren seine Neffen und die alte Frau eindeutig seine Schwägerin, aber die Bilder an den Wänden wirkten so, als hätte Lucas nie gelebt. Er erkannte seinen Vater, auf den Fotos noch um einige Jahre gealtert, und seinen Bruder, der, wenn Lucas das Alter auf dem Foto, das mit einer schwarzen Banderole verziert war, schätzen sollte, die siebzig Jahre vor seinem Tod weit hinter sich gelassen haben musste. Er selbst schien wie wegradiert.
„Heute bin ich aus Frankfurt angerufen worden. Du auch?“, fragte Max.
„Mhm. Aber was sollen wir da?“, fragte Lars. „Ich kenne Onkel Lucas doch gar nicht. Und seine Kohle interessiert mich nicht.“
„Papa war auch nicht gut auf ihn zu sprechen“, ergänzte Max. „Aber er wäre wahrscheinlich hingefahren.“
„Er hätte es aber gut verstanden, wenn wir nicht mitgefahren wären.“
Lucas wandte sich um. „Ich kann das doch alles noch ändern, oder?“
Der Geist hob die Schultern.
„Wenn ich mich ab jetzt bemühe, werde ich nicht so ein einsames und trauriges Ende haben…“
Der Geist wiegte den Kopf hin und her.
„Bring mich zurück“, sagte Lucas. „Zurück in mein Büro. Oder, noch besser, in meine Wohnung. Ich werde ein paar Sachen packen und einfach in den Schwarzwald fahren. Braucht ja keiner zu wissen. Ich kann sie ja auch überraschen…“
Die letzten Worte hatte Lucas mehr zu sich selbst gesprochen. Aber sein Plan stand fest.